Das heilige daoistische Wudang-Gebirge
„Die Natur eilt nicht, und doch wird alles vollbracht“ – Laozi
Haben Sie schon einmal davon geträumt, dem städtischen Leben zumindest vorübergehend zu entfliehen und sich an einen abgelegenen Ort in den Bergen zurückzuziehen? An dem Ihr Herz wieder zur Ruhe kommen kann? Klingt schön, nicht wahr?
Einige der mystischsten, malerischsten, wolkenverhangensten und höchstgelegenen Berge der Welt befinden sich in China. Im alten Zentrum des Taoismus und des Tai Chi liegt eine solche Bergkette, die als Wudang bekannt ist.
Das Wudang-Gebirge in der zentralchinesischen Provinz Hubei mit seinen von der Zeit gezeichneten Tempeln ist seit langem die Heimat derer, die ihr Leben dem Dao, dem „Weg“, widmen.
Der unsterbliche Gründer des Tai Chi
Lange bevor Scharen begeisterter Pilger die endlosen Steintreppen hinauf zu den majestätischen Gipfeln des Wudang erklommen, lebte dort ein legendärer Mann namens Zhang Sanfeng.
Meister Zhang wurde im 12. Jahrhundert während der Südlichen Song-Dynastie geboren und soll über 130 Jahre alt geworden sein. Wann genau er „verschwand“, ist nicht überliefert, doch es heißt, er habe zu Lebzeiten die Unsterblichkeit erlangt.
Laut dem offiziellen Geschichtswerk Die Geschichte der Ming war Zhang ein imposanter, mehr als 2,10 Meter großer Mann mit edler Haltung. Das ganze Jahr über trug er die gleiche daoistische Robe. Er gab sein weltliches Leben, seinen Reichtum, seinen Besitz – selbst seine weltlichen Wünsche – auf und entschied sich für ein Leben als Einsiedlers. Nachdem er eine Zeit lang umhergewandert war, ließ er sich schließlich im Wudang-Gebirge nieder.
„Dieser Berg wird eines Tages sehr berühmt werden“, erklärte er.
Meister Zhang war ein herausragender Kampfkünstler. Er beherrschte Shaolin-Kung-Fu, den Umgang mit dem chinesischen geraden Schwert, und viele andere Kampfkunststile.
Doch damit nicht genug: Er beherrschte auch die inneren Kampfkünste und gilt vor allem als Begründer der langsamen, spirituellen Disziplin des Tai Chi.
Der Legende nach erschien ihm eines Nachts im Traum die daoistischen Gottheit, der Jade-Kaiser. Der große Jade-Kaiser, der Herrscher des Himmels, lehrte ihn die Geheimnisse des Dao. Als er erwachte, war er inspiriert, eine Kampfkunstpraxis zu begründen, die auf innerer Energie basierte statt auf körperlicher Stärke; ein Stil, bei dem Nachgiebigkeit Aggression überwindet und Weichheit Härte besiegt.
So entstand Taijiquan, auch Tai-Chi genannt.
Meister Zhangs Tai-Chi wurde auf die Probe gestellt, als er von einer Räuberbande überfallen wurde. Kein Schlag und kein Tritt konnte ihn treffen (wer den Film „Kung Fu Hustle” gesehen hat, weiß vielleicht, wie schwer fassbar ein Tai-Chi-Meister sein kann). Da er seinen Angreifern immer wieder auswich, wurden diese schließlich erschöpft und er schlug sie daraufhin mühelos nieder.
Antwort auf ein Schreiben des Kaisers
Obwohl Tai-Chi heute vorwiegend als eine sanfte Kampfkunstform bekannt ist, die die Gesundheit fördern kann, hat sich diese Praxis im Laufe der Jahrhunderte weit von ihrem ursprünglichen Zweck entfernt. Meister Zhangs ursprüngliche Idee war es, eine Praxis der Selbstkultivierung oder spirituellen Erhebung zu begründen.
„Das Wesentliche bei der Ausübung des Dao“, so wird Meister Zhang zitiert, „ist es, Begierden und Ärgernisse loszuwerden. Wenn diese Belastungen nicht beseitigt werden, ist es unmöglich, Stabilität zu erlangen. Es ist wie bei einem fruchtbaren Feld: Solange das Unkraut nicht entfernt ist, kann es keine gute Ernte hervorbringen.“
„Begierden und Grübeleien sind das Unkraut des Geistes“, sagte er. „Wenn man sie nicht beseitigt, können sich Konzentration und Weisheit nicht entfalten“.
Da er ein Weiser war, suchten viele Kaiser seinen Rat in Staats- und Militärangelegenheiten. Doch Meister Zhang war meist schwer zu finden.
Kaiser Yongle, der dritte Kaiser der Ming-Dynastie, hatte jedoch Glück und erhielt eine Antwort auf seinen Brief. Meister Zhang wusste, dass dem Kaiser alles außer einem langen Leben fehlte. Er antwortete dem Kaiser schriftlich, dass der Schlüssel zu einem langen Leben darin liege, durch das Loslassen weltlicher Begierden ein friedliches Herz zu erlangen.
Der Kaiser war für diesen Rat so dankbar, dass er den Wudang zum kaiserlichen Berg erklärte und den Bau von 9 Palästen, 72 Tempeln und 36 Nonnenklöstern auf dem Berg Wudang anordnete, um das Dao weiter zu fördern.
Deshalb erinnern die heute zu sehenden Tempelanlagen des Wudang an die Architektur der Ming-Dynastie des 15. Jahrhunderts.
Meister Zhangs Vorhersage bewahrheitete sich – Wudang wurde sehr berühmt.
Der alte Weise
Vor rund 2.500 Jahren, etwa zur gleichen Zeit, als Buddha Shakyamuni auf dem indischen Subkontinent lehrte, lehrten Laozi (Laotse) und Konfuzius in China.
In den Aufzeichnungen des Großen Historikers wird erzählt, wie Konfuzius den großen Daoisten Laozi aufsuchte, um von ihm zu lernen. Diese Begegnung beeindruckte Konfuzius drei Tage lang zutiefst. Mit anderen Worten, drei ganze Tage lang gab es kein „Konfuzius sagt“.
Als Konfuzius endlich sein Schweigen brach, sagte er: „Ich weiß, wie ein Vogel fliegen kann. Ich weiß, wie ein Fisch schwimmen kann. Aber ich weiß nicht, wie sich Laozi erheben und fliegen konnte wie ein erhabener Drache, der im Himmel auf Wolken reitet.“
Bevor Laozi China durch das westliche Tor verließ, um nie wieder gesehen zu werden, hinterließ er seine Lehren, niedergeschrieben in 5.000 chinesischen Schriftzeichen – ein Buch, das heute als Tao Te King bekannt ist. Es ist zwar nicht belegt, dass Laozi ins Wudang-Gebirge gereist ist, aber sein Dao reiste dorthin.
Die Kulturrevolution überleben
Der Daoismus spielte in der traditionellen chinesischen Kultur und dem Denken eine so zentrale Rolle, dass er während der Kulturrevolution (1966–1976) von Mao Tse-tung zur Zielscheibe wurde. Die materialistische, ultralinke Ideologie der Kommunistischen Partei Chinas ließ keinen Raum für das Dao, den Weg des Universums oder das Gesetz der Natur.
Stattdessen lehrte die Partei Generationen von Chinesen, „gegen Himmel und Erde zu kämpfen“, um Mao zu zitieren. Auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution ermordeten die Roten Garden Maos daoistische Mönche und Nonnen, zwangen sie zu heiraten und schickten sie in Arbeitslager. Sie verbrannten ihre heiligen Bücher und zerstörten daoistische Tempel in ganz China.
Sie machten sich auch daran, die historischen Tempel von Wudang zu zerstören.
Doch auf der Eingangstreppe eines Tempels begrüßte die Rotgardisten eine 100-jährige daoistische Nonne namens Li Chengyu. Sie hatte ihre Lippen mit Klebstoff versiegelt, bevor sie sich auf die Stufen des Tempels setzte, um als eine Form des gewaltlosen Protests mehrere Tage lang ohne Unterbrechung zu meditieren.
Die Rotgardisten waren erstaunt über ihre Entschlossenheit und verschonten sie. Die Tempel in der Gegend wurden gerettet, und mehrere Daoisten durften bleiben.
Innerer Frieden
Ganz gleich, ob man das Dao sucht oder einen ruhigen Ort der Stille, oder einfach nur eine spektakuläre Landschaft, es könnte eine gute Idee sein, Wudang in die eigene Wunschliste aufzunehmen.
Es ist eine zutiefst spirituelle Erfahrung, zwischen wolkenumhüllten Tempeln zu wandern, wenn Schwaden von Weihrauch durch die Luft wehen, bunte Gebetsfahnen im frischen Bergwind flattern und Formationen von Kampfsportlern vor einer atemberaubenden Bergkulisse langsame, fließende Bewegungen ausführen.
Der Shen Yun-Tanz von 2020, Daoistisches Schicksal, spielt tief im Wudang-Gebirge, wo ein daoistischer Meister seine Schüler ausbildet und ein Krieger aufgrund seines Glaubens einen Sprung wagt.
